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Geschrieben von Mósa-mín am 12.01.2014 um 22:02:
Zuchtkriterium "Stellung der Gliedmaßen" beim Islandpferd
Ich beschäftige mich zur Zeit mit unseren Zuchtanpaarungen für die kommende Saison. Was mir dabei besonders ins Auge springt: überdurchschnittlich viele der hochgeprüftesten Hengste Islands haben sowohl eine schlechte Benotung (7,0-7,5 oft mit der Bemerkung zehenweit/zeheneng) als auch einen niedrigen Blup-Wert (zwischen 90 und 99) für das Kriterium "Stellung der Gliedmaßen". Oft verbunden mit einer ebenfalls niedrigen Note für "Gliedmaßen" und/oder "Hufe".
Wie kommt das? Wird auf dieses Kriterium in der modernen Zucht zu wenig Wert gelegt? Haben Islandpferde grundsätzlich schlechte Gliedmaßen? Oder sind die Bewertungsansprüche zu hoch? Spielt die Vererbung von zehenweiter/zehenenger Stellung keine große Rolle?
Sortiere ich im WF die geprüften Hengste (Standort IS) nach ihrem Zuchtwert, haben von den ersten 20 Hengsten nur 8 (!) einen Zuchtwert über 100 für "Stellung". Wir sprechen dabei von Hengsten mit einem Gesamt-Blup von 125 bis 133 und hoher Elitebewertung.
Wie seht ihr das? Messe ich dem Thema zu viel Gewicht bei? Oder sollten diese Kriterien in der Hengstauswahl mehr Gewichtung bekommen? Wie wichtig ist euch persönlich die Stellung der Gliedmaßen beim Hengst eurer Wahl?
Geschrieben von Ragna am 12.01.2014 um 22:13:
Bruno Podlech erwähnte immer wieder (jetzt auch in seinem Buch), dass Pferde mit "krummen" Beinen ein besseres Gleichgewicht haben, vor allem in hügeligem oder bergigem Gelände. Meine Ragna hat X-Beine und gute Hufe, Fengari noch bessere Hufe und vermutlich etwas geradere Beine, aber da sehe ich keinen Zusammenhang (geradere Beine nicht unbedingt = bessere Hufe). Wichtiger als die Stellung finde ich, wie die Pferde sich bewegen und dass die Stellung nicht verschleißfördernd ist.
Geschrieben von Helmingur am 12.01.2014 um 22:20:
Spontan ist mir da was eingefallen, dass ich erst letztens gelesen habe - ich weiß nicht, ob dir das irgendwie weiterhilft, aber mich hat es nachdenklich gemacht:
Terna frá Kirkjubae
Absatz "Truckwheels under a sports car"
Terna bekam eine 7 für Stellung der Gliedmaßen, aber:
"Experience has taught me that the scores of 7.0 or 8.0 don´t tell you anything about which of these horses have the better legs."
Geschrieben von Velvakandi am 12.01.2014 um 22:34:
Ich finde die Note ehrlich gesagt relativ unerheblich. Ob Fehlstellungen bei einem Hengst vorhanden sind sehe ich selbst, wenn sie verschleißfördernd sind, vermeide ich die Anpaarung. Alles andere (zehenweit, kuhhessig etc. sind bei Gangpferden ja weit verbreitet) wäre mir egal. Im Gegenteil, ein guter Fünfgänger MUß doch mindestens zehenweit stehen hinten, sonst greift er sich im Paß und verletzt sich am Ende.
Geschrieben von litla am 13.01.2014 um 10:03:
Ich kann da Velvakandi zustimmen, Isländer haben einfach öfter krumme Beine

Nein wirklich, ich kenne viele, die kuhhessig oder säbelbeinig sind (unter anderem mein 27jähriger Schecke, der im Leben noch keinen Tag gelahmt hat). Die Saudarkrokur-Pferde hieß es doch immer, sind so kuhhessig, damit sie sich im Rennpass nicht treten
Geschrieben von Mósa-mín am 13.01.2014 um 15:56:
Zitat: |
Original von litla
Ich kann da Velvakandi zustimmen, Isländer haben einfach öfter krumme Beine
Nein wirklich, ich kenne viele, die kuhhessig oder säbelbeinig sind |
Aber wirkt sich das denn nicht irgendwann mal negativ auf die gesamte Zucht aus? Warum gibt es denn dann Notenabzug, wenn es doch (wie Velvakandi schrieb) für zB. Rennpasser sogar wünschenswert wäre?
Ich habe speziell einen Hengst im Auge, der mir gangmäßig sehr gut gefällt, aber eben die Benotung Gliedmaßen 7,5 Stellung 7,0 (Hinterbeine bodeneng, gebrochene Zehenachse) Hufe 7,5 (weiter Huf) erhalten hat.
Dessen Vater Sær frá Bakkakoti hat zwar selbst bessere Noten erhalten (7,5 8,0 8,0), hat aber trotzdem für Stellung nur einen Zuchtwert von 83! Bei fast 700 Nachkommen (aus denen sich der Blup ja bekanntlich zusammensetzt) finde ich das Ergebnis schon recht bedenklich... Dieser Hengst scheint regelmäßig schlechte Stellung zu vererben, sonst wäre der Zuchtwert ja wenigstens um 100 herum.
In seinem Richterspruch zum Ehrenpreis f. Nachkommen heißt es u.a. auch "Die Stellung der Gliedmaßen bei den Nachkommen ist schwach/schlecht".
Ach, ich weiß auch nicht... Der Hengst gefällt mir ansonsten in allen Belangen, aber vor allem die gebrochene Zehenachse macht mir Sorgen...
Geschrieben von Wisy am 13.01.2014 um 16:41:
Mósa-Min, ich kann deine Bedenken verstehen...keine Ahnung, vielleicht denken wir zu "deutsch" und zu wenig Risikofreudig?
Zucht soll doch verbessern und die Gliedmaßen sind nun einmal das Fundament des Körpers...wenn das Fundament krumm ist, kann dann das Gebäude stabil sein?
Woran macht ihr "Verschleißfördernd" fest?
Ich habe bei mehreren Ankaufsuntersuchungen gehört . "Rassetypischer Stellungsfehler, aber noch tolerierbar"...da habe ich schon öfter gedacht, ab wann es nicht mehr tolerierbar wäre?
Spannende Frage, Mósa-Min
Geschrieben von viertakt_sus am 13.01.2014 um 17:14:
evtl. OT, da nicht nur auf islandpferde bezogen...
für mich wäre ein klar sichtbarer stellungsfehler (auch wenn sie als "rassetypisch" bagatellisiert werden) ein absolutes NO-GO für eine anpaarung.
ich persönlich finde, dass die zucht etwas "heiliges" sein sollte und keine kompromisse eingegangen werden sollten (vor allem eine gebrochene zehenachse bzw. vererbbarer stellungsfehler wäre ein ausschlusskriterium (für mich), auch wenn der hengst noch so nett ist ... dann wird eben konsequenterweise nicht gezüchtet, oder nach einer alternative geschaut....
es ist erwiesen, dass stellungsfehler verschleißerscheinungen durch fehlbelastung begünstigen (was nicht ausschließt, dass ein zehenweites pferd bis ins hohe alter leistungsfähig und gesund bleiben kann!!!!) - aber die wahrscheinlichkeit, dass dort artrosen entstehen, ist ungleich höher...
Geschrieben von Helmingur am 13.01.2014 um 18:52:
Mósa-mín, kann sowas (sprich gebrochene Zehenachse und weiter Huf) nicht auch durch suboptimale Hufbearbeitung / Beschlag entstehen?
Geschrieben von Smartie am 13.01.2014 um 18:59:
Haben die Nachkommen dann die gleiche Hufbearbeitung ?
Zitat: |
"Die Stellung der Gliedmaßen bei den Nachkommen ist schwach/schlecht". |
Geschrieben von inger am 13.01.2014 um 19:11:
Eine lange Zehe entsteht meist durch fehlerhafte Hufbearbeitung, fehlerhaften Hufbeschlag und Vernachlässigung der Ausschneideperioden. Ich habe sowas hier schon öfter gesehen und auch selbst ein solches Pferd besessen, dass nach langer Hufkorrektur durch einen fähigen Schmied wieder besser stand.
Ist ein Hengst mit einem solchen Mangel versehen, wäre das für mich kein Ausschlussgrund (schon gar nicht in Island, ganz ohne böse Spitze). Gerade bei Sær. Ich kenne den Züchter, ein echter Bauer, der leider nicht immer super sorgfältig mit der Hufpflege ist.
Ein weiter, flacher Huf ist bei manchen Pferden sogar rassetypisch. Gerade schwere Pferderassen haben sowas oft, auch lange Haltung in feuchte(re)n Weidegebieten kann zu sowas führen, ist aber meist ohne Beeinträchtigung für's Pferd.
Sorgen würde ich mich mehr um die Hufqualität sowie andere, angeborene und beeinträchtigende Stellungsfehler (Winkelverlagerung).
Geschrieben von Atli am 13.01.2014 um 20:24:
Hihi, Inger, dein Avatar-Bild passt gut zum Thema
Ich bin bei der Stellung der von ausgesuchten Deckhengste auch nicht sooo pingelig. Im Verhältnis zu früher ist es doch schon viel besser geworden.
Die Pferde früher mit schlechterer Stellung mussten oftmals viel mehr leisten, als ihre Kollegen heute, sind dabei ganz schön alt geworden und immer noch unter dem Sattel gewesen!
Viele Grüße aus der Eifel
Astrid
Geschrieben von fjoerdis am 14.01.2014 um 09:33:
Also das Thema find ich ja wirklich sehr interessant. Bei meiner Stute früher hab ich mich immer gewundert, dass sie so x-beinig stand, dann hab ich aber im Laufe der Zeit gemerkt, dass echt viele Isis so stehen und mich auch gefragt, wieso die alle so krumme Beine haben?!? Auf die Idee, dass das was mit der Gangveranlagung zu tun haben kann, bin ich aber noch nie gekommen.
Geschrieben von Velvakandi am 14.01.2014 um 12:50:
Zitat: |
Original von viertakt_sus
evtl. OT, da nicht nur auf islandpferde bezogen...
für mich wäre ein klar sichtbarer stellungsfehler (auch wenn sie als "rassetypisch" bagatellisiert werden) ein absolutes NO-GO für eine anpaarung. |
Aber was ist wenn, wie in diesem Fall, der Stellungs"fehler" eigentlich gar keiner ist sondern durchaus einen Sinn hat? Du wirst unter den Islandpferden sehr große Schwierigkeiten haben einen wirklich guten Rennpasser zu finden der jahrelang verletzungsfrei läuft und hinten gerade Beine hat. Das paßt einfach nicht zusammen, rein mechanisch müssen die Pferde in der Lage sein it der Hinterhand an der Vorhand vorbei zu greifen. Und das geht nunmal am besten, wenn sie hinten zehenweit und/oder kuhhessig stehen, simple Physik.
Man kann sicherlich auch hier auf eine kerzengerade Stellung in der Hinterhand selektieren, aber dann produziert man Pferde die ein deulich erhöhtes Verletzungspotenzial mitbringen. Das kann ja nicht das Zuchtziel sein.
Renntraber stehen aus dem gleichen Grund ebenfalls oft hinten nicht gerade.
Ich finde diesen Wahn dass alles gerade sein muß ehrlich gesagt sehr deutsch

In den Ursprungsländern steht oft Funktionalität an erster Stelle und das sollte eigentlich auch eher das Ziel sein als perfekte Optik.
Geschrieben von viertakt_sus am 14.01.2014 um 19:01:
achtung kurz OT ... hihi, die "typisch deutsch" diskussion hatte ich letztes jahr mit einem walker-richter auch - nur soviel: in manchen bereichen bin ich gerne typisch deutsch und stehe auch dazu - er meinte, die amis wollten zur zeit lieber so etwas wie saddlegait sehen auf dem turnier - danke

, darauf habe ich ihm geantwortet: ich bin lieber typisch deutsch und bevorzuge den rassetypischen taktklaren walk (und nehme in konsequenz ggf. nichtmehr an solchen turnieren teil) OT aus
klar muss man nicht päpstlicher als der papst sein, aber man sollte doch seinem fohlen in spe die besten grundlagen mit auf den weg geben und nicht zugunsten irgendwelchen ganges fehlstellungen verstärken (gebe zu, dass ich mich bei den isis nicht so auskenne...) aber bei den walkern gibt es z.B. aufgrund der angestrebten starken winkelung der hinterhand regelrecht säbelbeinige exemplare, die ich schon richtung "qualzucht" einstufen würde...
bei den trabern (meine absolute leib-und-magen-rasse neben den walkern übrigens) ist mir in meinem damaligen stall (da gab es fast ausschließlich traber, meine stute war 10 jahre auf der rennbahn) kein extrem kuhessiges exemplar. wenn die renntrab gingen, machten sie aktiv aus der hüfte heraus die hinterbeine breit und ab-ging-die-post

(ist aber auch schon 15 jahre her, die aktuellen zuchtformen kenne ich nicht....)
Geschrieben von rivera am 14.01.2014 um 19:24:
eine nicht zu starke kuhhessige stellung ist m.e. bei einem gangpferd tolerierbar, die anderen fehlstellungen sehe ich sehr viel kritischer.
Geschrieben von Velvakandi am 14.01.2014 um 21:33:
Zitat: |
Original von viertakt_sus
klar muss man nicht päpstlicher als der papst sein, aber man sollte doch seinem fohlen in spe die besten grundlagen mit auf den weg geben und nicht zugunsten irgendwelchen ganges fehlstellungen verstärken |
Aber du gibst dem Fohlen halt nicht die besten Grundlagen mit, wenn du auf kerzengerade Hinterbeine selektierst

Du erhöhst das Verletzungspotenzial. Und es ist auch nicht "irgendwelcher Gang", sondern der rassetypische Rennpaß.

Die Fünfgängigkeit ist beim Islandpferd ausdrücklich im Zuchtziel verankert und ein Fünfgänger entspricht immer mehr dem Ideal als ein Viergänger (was sich im Bewertungssystem für Zuchtpferde wiederspiegelt).
Ich meine, ich bin durchaus nicht der Meinung dass mit jedem krummbeinigen Pferd gezüchtet werden sollte. Aber es gibt eben Gliedmaßenstellungen bei Gangpferden die durchaus einen Sinn ergeben.
Geschrieben von viertakt_sus am 14.01.2014 um 23:41:
... seufz, deshalb schrieb ich ja "nicht päpstlicher als der papst zu sein"
denn "nobody is perfect"
dennoch meine persönliche meinung
(die ich auch gerne behalten möchte und werde),
dass zwischen einer leichten kuhhessigkeit
und gebrochener zehenachse/nachweislich "schlechter" nachzucht
ein himmelweiter unterschied bestehen kann....
Geschrieben von Mósa-mín am 15.01.2014 um 00:07:
Zitat: |
Original von viertakt_sus
dennoch meine persönliche meinung
(die ich auch gerne behalten möchte und werde),
dass zwischen einer leichten kuhhessigkeit
und gebrochener zehenachse/nachweislich "schlechter" nachzucht
ein himmelweiter unterschied bestehen kann.... |
Das sehe ich auch so und habe inzwischen entschieden von dem Hengst vorläufig Abstand zu nehmen, bis die ersten seiner Nachkommen geprüft werden.
Danke euch allen für die Kommentare und Meinungen

Ich sehe das jetzt schon alles irgendwie entspannter, ziehe aber für mich den Schluss, dass ich den Punkt in meiner Zuchtplanung nicht ganz außer Acht lassen möchte.
Geschrieben von viertakt_sus am 15.01.2014 um 08:39:
Zitat: |
Das sehe ich auch so und habe inzwischen entschieden von dem Hengst vorläufig Abstand zu nehmen, bis die ersten seiner Nachkommen geprüft werden.
Danke euch allen für die Kommentare und Meinungen
Ich sehe das jetzt schon alles irgendwie entspannter, ziehe aber für mich den Schluss, dass ich den Punkt in meiner Zuchtplanung nicht ganz außer Acht lassen möchte. |
Schön, lese deine Entscheidung mit großer Anerkennung und Respekt!
.... Und wünsche dir ganz viel Erfolg und Glück mit deiner Zucht!
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